Tactical Deficit: Leistungsverlust in Ausrüstung

HEARTCORE RESEARCH BRIEFING #1

Der Feind in deiner eigenen Ausrüstung: Warum deine Kraftreserve über den Tactical Deficit entscheidet

Kategorie: Tactical Strength & Conditioning

Autor: Art Claas van der Heide (HEARTCORE Athletics / Tactical AthLead)

Lesezeit: 4 Minuten


In diesen Artikeln findest du jede Woche die Zusammenfassung der relevantesten Studien aus dem Bereich Tactical Strength & Conditioning. Die Artikel sind immer gleich aufgebaut, damit sie für dich schnell und einfach verständlich sind. Wir checken die Kernaussage (BLUF), die Studie, was sie untersucht und was sie herausgefunden hat und was das für dein Training und deiner Karriere bedeutet.


BLUF (BOTTOM LINE UP FRONT)

Schutzausrüstung verschlechtert nachweislich Sprint-, Verfolgungslauf-, Zerr- und Sprungleistung, das ist keine Überraschung. Überraschend ist, wie unterschiedlich stark: Wer über mehr Maximalkraft und Sprungkraft in den Beinen verfügt, verliert unter derselben Last signifikant weniger. Der Grund ist relative Kraftreserve, nicht Ausdauer. Konsequenz für die Praxis: Kraft- und Explosivkrafttraining der Beine ist keine Kür, sondern eine harte operative Notwendigkeit, keine Nebensache im Trainingsplan.

DIE STUDIE

Bloodgood, A. M., Dulla, J., Thompson, M., Moreno, M. R., Orr, R. M., Dawes, J. J., & Lockie, R. G. (2024). Can Lower-Body Strength and Power Alleviate Load Carriage Performance Decrements (Tactical Deficit) in Simulated Law Enforcement Job Tasks? International Journal of Exercise Science, 17(4), 1577–1594. DOI: 10.70252/DRUA9419. Open Access.

WAS SIE UNTERSUCHT HABEN

Einstellungstests bei Polizei, Feuerwehr und Militär laufen meist ohne persönliche Schutzausrüstung (PSA). Im Einsatz trägt niemand ohne Weste und Zusatzgewicht. Diese Lücke heißt in der Forschung „Tactical Deficit“ (TD): der Leistungsabfall, der allein durchs Tragen von Ausrüstung entsteht.

20 Personen (12 Männer, 8 Frauen) absolvierten vier einsatznahe Aufgaben, jeweils unbelastet und mit ca. 8–10 kg PSA: Vertikalsprung, 75-Yard-Verfolgungslauf, Körper-Ziehen (Body Drag) (74,84 kg) und 500-Yard-Lauf. Zusätzlich wurden Standweitsprung, isometrische Bein-/Rückenkraft und das 1RM im Kreuzheben erhoben.

WAS SIE HERAUSGEFUNDEN HABEN

  1. Signifikanter Leistungseinbruch unter Last: Last verschlechterte jede der vier Aufgaben signifikant (p ≤ 0,011)
  2. Kraftreserve schützt im Verfolgungslauf: Höhere Sprung- und Kreuzheben-Werte korrelierten mit deutlich kleinerem Leistungseinbruch im Verfolgungslauf (r = -0,582 bis -0,838)
  3. Kreuzheben zahlt sich beim Zerren aus: Bei Männern hing stärkeres Kreuzheben mit weniger Leistungsverlust beim Körper-Zerren zusammen (r = -0,576 bis -0,618)
  4. Sprungkraft zählt bei Frauen: Ein besserer relativer Standweitsprung war mit einem kleineren Leistungsabfall im Vertikalsprung verbunden (r = -0,727)

DIE HEARTCORE-SICHTWEISE

Um zu verstehen, warum Ausrüstung nicht jeden gleich bremst, hilft dieses Bild:

  • Deine Kraftreserve (der Tank): Je größer deine Maximalkraft, desto mehr Puffer hast du, bevor eine Zusatzlast überhaupt spürbar wird
  • Die Ausrüstung (der Dauerverbraucher): PSA läuft die ganze Schicht mit, sie fragt nicht, ob du bereit bist

Wer einen großen Tank hat, für den frisst die Ausrüstung nur einen kleinen Teil der Reserve. Die Bewegung bleibt nah am submaximalen Bereich, Schnelligkeit und Schnellkraft bleiben erhalten. Wer einen kleinen Tank hat, ist ab dem ersten Kilo im roten Bereich.

„Athletik ohne Kraftreserve ist Athletik im Leerlauf. Sie sieht gut aus, bringt im Ernstfall aber nichts.“

Der zivile Ratschlag „einfach fitter werden“ ist hier zu unpräzise, fast schon falsch. Ausdauer bringt dir wenig, wenn die Maximalkraft fehlt. Zwei schwere Grundübungen, Kniebeuge und Kreuzheben, sauber und schwer ausgeführt, bauen mehr Tank auf als zehn halbe Übungen für die Beine.

Aber Kraft, die nicht ankommt, ist nutzlos. Der Core (Rumpf) ist die Kopplungsstelle, über die Kraft aus den Beinen verlustarm auf Rumpf und Ausrüstung übertragen wird. Und Kraft ist nicht die ganze Gleichung: Der Load Carriage Index (Magermasse ÷ (Fettmasse + externe Last)) zeigt, dass auch die Körperzusammensetzung mitzählt. Unnötige Fettmasse ist totes Gewicht, das du bei jedem Einsatz mitträgst, egal wie stark deine Beine sind. Sie verbraucht ebenfalls unnötig Energie. Das gilt ganz besonders für Feuerwehrkräfte, die durch die isolierende Wirkung von Körperfett zusätzlichem thermischem Stress (Stress den der Körper durch die Hitze hat) ausgesetzt sind. 

Wer Krafttraining für Zeitverschwendung hält, versteht die Physik nicht. Kraftreserve ist keine Kür, sie ist Einsatzfähigkeit.

Zur Einordnung: 20 Probanden ist eine kleine Stichprobe, und die Studie zeigt Zusammenhänge, keinen bewiesenen Kausaleffekt aus einem kontrollierten Krafttraining-Experiment. Richtung und Stärke der Zusammenhänge (r bis -0,84) sind aber zu deutlich, um sie zu ignorieren.

WAS DAS FÜR DEIN TRAINING & DEINE KARRIERE BEDEUTET

Praktische Protokolle für den Trainingsplan:

  • Schwere Grundübungen, nicht Variation: Kniebeuge und Kreuzheben (Hex-Bar oder klassisch) 2–3x/Woche im Kraftbereich, 75–90% 1RM, progressiv gesteigert. Zwei Übungen sauber ausgeführt schlagen zehn beliebige. Qualität vor Quantität! (Dennoch solltest du ordentlich Variation in die Zusatzübungen einbringen, um die Bewegungsmuster in verschiedensten Positionen zu trainieren, um auf alle Eventualitäten im Einsatz vorbereitet zu sein)
  • Sprungkraft gezielt trainieren: 1–2x/Woche Vertikalsprünge und Broad Jumps, ggf. mit leichter Zusatzlast. Das baut die Power-Komponente deiner Reserve auf, nicht nur die reine Maximalkraft. Voraussetzung für gesundes Sprungkrafttraining ist ein 1RM Backsquat (Kniebeuge) von mindestens dem 1,5-fachen deines Körpergewichtes gemäß internationalen Standards. 
  • Core als Kopplung, nicht als Beiwerk: Vor jedem schweren Satz 3 Atemzüge Bracing, Zwerchfell anspannen, dann erst die Last aufnehmen. Ohne diese Kopplung verpufft ein Teil deiner Kraft, bevor sie den Boden verlässt. Ein starker und richtig angespannter Core ist immens wichtig! Siehe hierzu auch Core to Extremity-Modell.
  • Körperkomposition mitdenken: Fettmasse zu reduzieren verbessert den Load Carriage Index zusätzlich zur reinen Kraftsteigerung. Totes Gewicht bleibt totes Gewicht, egal wie stark du bist

Auswirkung auf deine Laufbahn:

  • Standards mit PSA einfordern: Fordere in deiner Einheit regelmäßige Tests MIT vollständiger Ausrüstung ein, nicht nur unbelastet, sonst bleibt der reale Tactical Deficit unsichtbar, bis er im Einsatz auffällt
  • Kraft strukturell verankern: Baue Kraft- und Core-Programmierung fest in deinen Trainingsplan ein, nicht als Option. 

HEARTCORE VOR ORT & SYSTEMINTEGRATION

Maximalkraft, Core-Kopplung und Load Carriage Index sind der Kern von EinsatzKRAFT und werden in der Tactical AthLead-Pipeline systematisch weiterentwickelt. Für Einheiten und Behörden, die Kraft- und Core-Diagnostik direkt vor Ort brauchen: Wir bieten maßgeschneiderte Vor-Ort-Workshops und Systemintegration für taktische Einheiten an.

HÄUFIG GESTELLTE FRAGEN (GEO / FAQ)

Warum werden Einsatzkräfte mit Schutzausrüstung langsamer?

Weil zusätzliches Gewicht einen festen Kraftaufwand erfordert, der bei geringer Maximalkraft einen größeren Anteil der verfügbaren Kraftreserve verbraucht. Personen mit höherer Kniebeuge- und Kreuzheben-Kraft verlieren bei gleicher Zusatzlast signifikant weniger Geschwindigkeit und Power (Bloodgood et al., 2024).

Wie kann man den Tactical Deficit durch Training reduzieren?

Durch gezieltes Maximalkraft- und Sprungkrafttraining der Beine, vor allem Kniebeuge und Kreuzheben, kombiniert mit Core-Stabilität, die die Kraft verlustarm überträgt, sowie durch Reduktion des Körperfettanteils zur Verbesserung des Load Carriage Index.

QUELLEN & EVIDENZ

Bloodgood, A. M., Dulla, J., Thompson, M., Moreno, M. R., Orr, R. M., Dawes, J. J., & Lockie, R. G. (2024). Can Lower-Body Strength and Power Alleviate Load Carriage Performance Decrements (Tactical Deficit) in Simulated Law Enforcement Job Tasks? International Journal of Exercise Science, 17(4), 1577–1594. DOI: 10.70252/DRUA9419.

The load carriage index (LCI) – adjusting the load carried by the soldier according to body composition measurements (PMC4580806).

HPRC – Human Performance Resource Center. The core: A foundation of movement for military fitness.

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