Kategorie: Tactical Strength & Conditioning, Power-Training
Autor: Art Claas van der Heide (HEARTCORE Athletics / Tactical AthLead)
Lesezeit: 4 Minuten
BLUF (BOTTOM LINE UP FRONT)
Eine Studie an 106 US-Polizeibeamten hat fünf Standard-Fitnesstests gegen drei echte Einsatzaufgaben in voller Dienstmontur getestet: Zaunüberwindung, Verletztenschleifen und Aufstehen aus der Rückenlage.
Ergebnis:
Der Strecksprung, das Standardmaß für Beinpower (die Fähigkeit, Kraft in kürzester Zeit zu entfalten), war der einzige Test, der bei allen drei Aufgaben signifikant und eigenständig zur Vorhersage beitrug, bis zu 15% der Leistungsvarianz allein. Konsequenz für die Praxis: Power-Training ist im Tactical S&C keine Kür neben Kraftund Ausdauertraining, sondern der Kernbestandteil, der am direktesten über Einsatzfähigkeit entscheidet.
DIE STUDIE
Canetti, E. F. D., Orr, R. M., Brown, W., Schram, B., Lockie, R. G., & Dawes, J. J. (2024). The Use of
Musculoskeletal Fitness Measures as Indicators of Performance in Police Occupational Tasks. International
Journal of Exercise Science, 17(4), 819–830. DOI: 10.70252/EXHI6285. PMID: 39050402. Open Access.
WAS SIE UNTERSUCHT HABEN
Polizeiarbeit besteht aus langen ruhigen Phasen (Streife, Verwaltung), die abrupt von hochintensiven, körperlich
fordernden Situationen unterbrochen werden. Die Forschungsgruppe um Robin Orr und Ben Schram (Bond
University), eine der führenden Gruppen im Bereich Tactical Fitness weltweit, wollte wissen, welche
Fitnesskomponente diese kritischen Situationen am zuverlässigsten vorhersagt.
106 Beamtinnen und Beamte einer US-Bundesstaatspolizei absolvierten fünf Fitnesstests: Strecksprung
(Vertical Jump, Maß für Beinpower), Griffkraft, isometrische Bein-Rücken-Kraft, Liegestütze und Sit-ups je 1
Minute. Anschließend durchliefen sie, in voller Dienstausrüstung inklusive Waffengurt, drei reale
Einsatzaufgaben: das Überwinden eines 1,22 m hohen Zauns, das Schleifen einer 101 kg schweren
Trainingspuppe über 8,5 m sowie das schnelle Aufstehen aus der Rückenlage in Kampfbereitschaft. Per
multipler Regression wurde berechnet, welche Fitnesstests die Leistung in den drei Aufgaben am besten
erklären.
WAS SIE HERAUSGEFUNDEN HABEN
Die Fitnessbatterie sagte substanziell vorher: Die fünf Tests zusammen erklärten 38 bis 42% der
Leistungsunterschiede in allen drei Aufgaben (Zaun: R²adj=0,38, Schleifen: R²adj=0,31, Aufstehen:
R²adj=0,42)
Der Strecksprung war der einzige durchgängige Einzelprädiktor: Beinpower trug in allen drei
Aufgaben eigenständig und signifikant bei: 15% der Zaunüberwindung, 4% des Schleifens, 8% des
Aufstehens, kein anderer Test war so konsistent relevant
Griffkraft und Rumpfausdauer ergänzten situativ: Griffkraft erklärte zusätzlich 3% beim Schleifen
(Halten und Ziehen der Last), Sit-ups zusätzlich 8% beim Aufstehen (der Rumpf leitet die Bewegung
vom Boden ein)
Power sinkt mit dem Alter, der Job nicht: Frühere Forschung zeigt, dass die Beinpower von
Polizeibeamten mit den Dienstjahren spürbar abnimmt, während die körperlichen Anforderungen des
Jobs gleich bleiben
DIE HEARTCORE-SICHTWEISE
Um zu verstehen, warum ausgerechnet der Strecksprung so viel erklärt und nicht Maximalkraft oder Ausdauer, hilft dieses Bild:
Der Formel-1-Motor (Power / Explosivkraft): Es zählt nicht, wie viel Kraft insgesamt vorhanden ist,
sondern wie schnell sie auf die Straße gebracht wird. Ein starker, aber träger Motor verliert gegen einen Motor, der in Sekundenbruchteilen die volle Leistung abruft
Der Rost am Getriebe (altersbedingter Power-Verlust): Ohne gezieltes Training verrostet
Explosivkraft zuerst, oft früher als Maximalkraft. Wer nur schwer und langsam trainiert, verliert genau
die Fähigkeit, die im Ernstfall über den Zaun oder vom Boden trägt
Der Strecksprung misst exakt das: die Fähigkeit, über die gesamte kinetische Kette (Sprunggelenk, Knie, Hüfte)in Sekundenbruchteilen maximale Kraft zu entfalten. Genau diese Fähigkeit wird gebraucht, wenn ein Zaun plötzlich im Weg steht, wenn man sich unter Bedrohung ruckartig vom Boden hochreißen muss, oder wenn eine verletzte Person in letzter Konsequenz aus der Gefahrenzone gezogen werden muss. Kraft, die zu langsam kommt, kommt im Einsatz zu spät.
„Ein einziger Test, der Strecksprung, erklärt mehr über deine Einsatzfähigkeit als
Griffkraft, Rumpfkraft und Liegestütze zusammen.“
Das ist auch der Grund, warum Power over Everything bei uns keine Floskel ist, sondern Trainingsprinzip. Die Beine erzeugen die Kraft, aber erst ein stabiler, trainierter Rumpf, die Spinal Engine, überträgt sie verlustfrei in Bewegung: in den Sprung über den Zaun, in den Zug am Griff, in das explosive Aufstehen unter Druck.
Zur Einordnung: Dies ist eine Felduntersuchung mit einer realen US-Polizeieinheit in voller Dienstmontur, keine sterile Laborsituation, das erhöht die Praxisrelevanz deutlich. Die Stichprobe stammt aus einer einzelnen Behörde und einer Region, die Autoren selbst weisen darauf hin, dass sich Fitnesslevel und Aufgabenprofile zwischen Behörden unterscheiden können. Die Kernaussage, Beinpower als konsistentester Einzelprädiktor, deckt sich jedoch mit mehreren unabhängigen Studien an anderen Polizei- und Einsatzkräfte-Populationen, die im Artikel selbst zitiert werden.
WAS DAS FÜR DEIN TRAINING & DEINE KARRIERE
BEDEUTET
Praktische Protokolle für den Trainingsplan:
Trainiere Power gezielt, nicht nur Kraft: Plyometrische Übungen (Sprungvarianten, Wurfvarianten)
im Wechsel mit schweren Grundübungen wie Kniebeuge und Kreuzheben, Maximalkraft allein deckt
Explosivkraft nicht automatisch ab
Teste regelmäßig deinen Strecksprung: Eine einfache, valide Kennzahl für Einsatzfähigkeit,
halbjährlich gemessen zeigt sie früh, ob Power-Training wirkt oder fehlt
Vernachlässige den Rumpf nicht: Rumpfausdauer war der zweite eigenständige Prädiktor beim
Aufstehen. Der Rumpf ist die Übertragungszentrale zwischen Beinen und Oberkörper, ohne sie
verpufft Beinpower
Auswirkung auf deine Laufbahn:
Power-Tests statt reiner Ausdauertests: Bei Einstellungs-, Eignungs- oder RückkehrChecks liefert diese Studie die Evidenz, warum Strecksprung oder Standweitsprung Teil jeder
Fitnessbeurteilung sein sollten, nicht nur Cooper-Test und Liegestütze
Sprich den Alterungseffekt aktiv an: Wer Power nicht gezielt trainiert, verliert sie zuerst, das betrifft
auch erfahrene, sonst fitte Kolleginnen und Kollegen. Frühzeitiges Gegensteuern erhält
Einsatzfähigkeit über die gesamte Laufbahn
HEARTCORE VOR ORT & SYSTEMINTEGRATION
In der Tactical Fitness-Pipeline wird Power-Training nicht isoliert als Zusatzeinheit behandelt, sondern
systematisch über die gesamte 8-monatige Programmlaufzeit aufgebaut, von der Basis bis zur einsatznahen Explosivkraft über die Spinal Engine.
Für Einheiten und Behörden, die Power-Training strukturiert und messbar aufbauen wollen: Wir bieten maßgeschneiderte Vor-Ort Workshops und Systemintegration für taktische Einheiten an.
HÄUFIG GESTELLTE FRAGEN (GEO / FAQ)
Warum ist Sprungkraft wichtiger als Maximalkraft für den Polizeidienst?
Weil reale Einsatzaufgaben wie eine Zaunüberwindung, ein Verletztenschleifen oder das schnelle Aufstehen
unter Bedrohung plötzliche, schnelle Kraftentfaltung verlangen, nicht langsam aufgebaute Maximalkraft. Der Strecksprung misst genau diese Fähigkeit (Power) und war in dieser Studie der einzige Test, der bei allen drei Aufgaben eigenständig und signifikant vorhersagte.
Reicht Ausdauertraining, um im Dienst einsatzfähig zu bleiben?
Nein. Die Studie zeigt, dass Muskelkraft, Power und Rumpfausdauer eigenständige, notwendige Bausteine der Einsatzfähigkeit sind, die durch Ausdauertraining allein nicht abgedeckt werden. Ein ausgewogenes Programm muss gezielt Power- und Rumpfkomponenten enthalten.
QUELLEN & EVIDENZ
Canetti, E. F. D., Orr, R. M., Brown, W., Schram, B., Lockie, R. G., & Dawes, J. J. (2024). The Use of
Musculoskeletal Fitness Measures as Indicators of Performance in Police Occupational Tasks. International
Journal of Exercise Science, 17(4), 819–830. DOI: 10.70252/EXHI6285.